Drei Mic-Drops für ein ADHS

Vor zwei Jahren bestätigte sich eine langjährige Ahnung – ich habe ADHS. Seitdem konnte ich viele Erfahrungen und Seiten an mir entdecken, die Menschen mit ADHS teilen. Drei Posts sind dabei so hängen geblieben, dass sie für mich fast als Lakmus-Test für ADHS dienen, da sie einige fundamentale Aspekte aufgreifen, wie sich für mich Leben mit ADHS anfühlt und welche Spuren dies hinterlässt.
Fast ein Lakmus-Test weil, der reale Lakmustest ist Medikamente zu probieren, da – im Gegensatz zu Autismus – ADHS mit Medikamenten unterstützt werden kann – Story for another day.

Ängste

“Jeden Tag warte ich auf eine E-Mail, die sagt “Du hast GROSSEN Ärger, und alle sind sauer auf dich!” (Meine Übersetzung, Original)

Mic-Drop One.

Du machst alle Übergaben, du beendest deine Aufgaben und fährst in den Urlaub. Zwei Wochen bleibt das gefühlt etwas vergessen zu haben. Wieder zuhause traust du dich nicht die E-Mails aufzumachen.
Oder du hattest einen schönen Abend mit Freunden. Eine neue Bar, ihr habt mit neuen Leuten geredet, gelacht, getrunken. Am nächsten Morgen bekommst du einen angepisste Textnachricht, dass du ja gar nicht gewürdigt, wie sie dir ein Date klargemacht hätten. (Was kein Date wurde).
Du hast dich drei Wochen nicht gemeldet, sicher sind sie jetzt sauer.
Du hast dich gestern erst gemeldet, sicher fühlen sie sich jetzt erdrückt, wenn du jetzt wieder schreibst.
Du fühlst dich zu viel, zu wenig, zu anders, Hauptsache SO NICHT! Du hast Angst was übersehen zu haben. Du hast Strategien, wie du sicher gehst immer den Haustürschlüssel einzupacken. Du gibst dir Mühe. Du bist genau. Und trotz allem rutscht etwas durch, egal wie genau du hinguckst und dein Mathelehrer beginnt wieder mit Schlüsseln zu werfen vor Wut. Wenn du dich entspannst, wird es schief gehen.
Es braucht lange und ein sehr sicheres Umfeld, um zu entlernen, dass selbst bei Fehlern in den meisten Fällen nichts passiert. Ja sogar, dass all dies eine Resilienz und eine Flexibilität gelehrt hat, die eine Ressource ist. Es ist etwas daneben gegangen? So what, du hast auch gelernt, wie du spontan eine Alternative umsetzt.

Druck

“Eine der vielen Vorzüge von ADHS, die ich am meisten hasse: ADHSler haben keine intrinsische Motivation und benötigen extrinsische Motivation: Dringlichkeit, Druck, Wettbewerb und das Bedürfnis dazu zugehören. Abgesehen von Neuartigkeit (novelty), benötigen all diese negative Emotionen: Sorge und Angst vor Dringlichkeit und Druck, Wettbewerb und Dazugehörigkeit benötigen Scham. Hyperfokus ist nicht für einen selbst, sondern entsteht aus der Suche nach Neuartigkeit.
ADHS zu haben ist jederzeit gegen negative Emotionen anzukämpfen indem etwas für ANDERE gemacht wird – nicht für sich selbst.
Darum haben ADHSler so Komorbiditäten wie Depression, Angststörungen, Co-Dependency oder (Drogen-)Abhängigkeiten. Darum sind viele Menschen mit ADHS People-Pleaser.
Saubermachen, weil jemand zu besuch kommt? Natürlich, lass uns die Tiefenreinigung in 3h machen!
Für mich selbst? Keine Motivation. Natürlich mag ich ein aufgeräumtes und sauberes Wohnzimmer, aber das ist kein Motivator.
Die Eigenschaften, die mit ADHS kommen sind keine Superpower, sondern eine andauernde Einwirkung von Angst(fear), Scham und Ängstlichkeit (anxiety).
Alles was ich im Hyperfokus gelernt habe würde ich dafür eintauschen, nicht ständig diese negativen Emotionen zu haben. Ich würde es eintauschen dafür, um Dinge für mich zu machen und nicht für externe Motivationen. Ich würde sie eintauschen, nur damit diese Gedanken aufhören.” (Meine Übersetzung, Original Tomate)

Mic-Drop two.

Es ist ein leeres Wochenende. Nichts ist geplant. Nichts muss gemacht werden, aber ich möchte.
Ich möchte Musik machen. Ich möchte was spielen. Ich möchte eine Fahrradtour Ich möchte das Buch lesen. Ich möchte diesen Blogeintrag schreiben. Ich möchte das Design fertig machen. Ich möchte den Einkauf machen. Ich möchte das Bild malen. Ich möchte … etwas für mich tun.
Und schaffe es nicht zu beginnen. Ich muss nicht, aber ich würde gerne.

Auf Arbeit ist ein bisschen Zeitdruck geil. Der Stress bei einem Software-Release, Jemand will was, ich sehe den Effekt von dem was ich tue. Kolleg*innen sind dankbar. Ich fühle ich wertgeschätzt. Aber da ist auch Stress. Deadlines, immer zu liefern.
Hängen blieb, Wertschätzung verdient man sich. Einfach sein genügt nicht.
Das wieder zu entlernen schafft so seltsame Momente, wo man Dinge macht, Stolz drauf ist, und keine Rückmeldung von außen kommt. Wo Freunde sich überhaupt nicht dafür interessieren, was man macht, sondern nur, wer man ist.

Dysfunktional

“Die zweite Art Arbeitsgedächtnis ist Nonverbal Working Memory (NWM). Dies beschreibt die Fähigkeit Bilder im Kopf zu halten. Szenen aus der Vergangenheit zu sehen, Bilder die du gesehen hast, wo deine Schlüssel liegen etc. Es hilft auch sich die Zukunft vorzustellen. Nicht Wörter über die Zukunft, sondern wie die Zukunft AUSSIEHT. Nun, diese Fähigkeit sich die Zukunft bildlich vorzustellen ist bei Menschen mit schwachen Exekutivfunktionen wie ADHS, ASD oder Exekutivdysfunktion eingeschränkt.
[…]
NVWM-Einschränkung ist genau warum es für jemanden mit ADHS schwer ist Das Ding einfach … zu machen. Weil Neurotypische Menschen stellen sich vor wie “fertig” aussieht und arbeiten davon rückwärts um die Schritte herauszufinden und was sie brauchen um zu beginnen. Dann wiessen sie, wie sie beginnen.
Wenn du dir das Endergebnis nicht einfach vorstellen kannst, kannst du nicht die Schritte identifizieren um zum Endergbnis zu kommen. Wenn eine neurotypische Person sich ein Erdnuss-Marmelade Sandwich macht, denken sie als ersten Schritt darüber nach wie dieses Sandwhich aussieht. Praktisch sofort. Wie sieht es aus? Dann planen sie rückwärts von hier. Was sind die Schritte um das fertige Bild zu bekommen? Nun, lege die Scheibe Brot bereit, streiche Erdnussbutter drauf, dann streiche Marmelade, nun zweite Scheibe Brot drauf. BAM! Was werde ich für diese Schritte brauchen? Brot, Erdnussbutter, Marmelade, Messer. BAM! Du kannst rückwärts Planen und den Plan vorwärts ausführen. Oder: “Plane die Ausführung, dann führe den Plan aus”. Dies ist unglaublich schwer für Menschen mit Exekutivdysfunktion.” (Meine Übersetzung, Original @sayitslp)

Mic-Drop three

Ich werde einkaufen geschickt “ja, kauf halt was zum Frühstück”… ja was? “schau halt was passt”.
So beginnt für mich ein Horror-Märchen. Sag mir konkret was du haben willst. Wo der Absatz oben sehr aufs visuelle Eingeht, so gilt dies für mich auch fürs Abstrakte, also woran sehe ich, dass etwas fertig oder vollständig ist? Was ist meine Definition-of-Done?

Mein effektivstes Lernen besteht darin, etwas funktionierendes zu ändern und in etwas neues zu verwandeln.
Wenn ich Musik mache versuche ich oft einen Klang zu imitieren und von dort es zu meinen eigenen zu machen. Ebenso bei visuellem Design.
Wenn du mir eine Aufgabe gibst die zu Vage ist, keine klare Vorlage hat, an der ich mich orientieren kann, dann schwimme ich, werde frustriert und möchte hinschmeißen.

Meine persönliche Ironie ist, dass es seit 15 Jahren mein Brot-und-Butter ist, Dinge in kleine Schritte aufbrechen, egal ob Software oder Projekte. Mein Job, “making sense of what people want”. Hier ist es an mir die Definition of Done zu entwerfen. Hier beschreibe ich das Ziel und damit auch implizit den Weg.

Bonus

“ADHS ist eine Behinderung. Ich weiß das. Niemand um mich herum weiß das. Wenn ich sage, ich kann etwas nicht, brauche ich keine Tipps, keine Ermutigung, ich brauche, dass du mir glaubst. Ich brauche nur eine Person, die mir glaubt, dass ich nicht lüge, wenn ich sage, es ist mir nicht möglich etwas zu tun, aufgrund meiner buchstäblich Entwicklungsstörung. Kein “durchdrücken”, kein “versuch (noch) mehr”, kein “Ich habs geschaft und du kannst das auch”, weil jetzt gerade in diesem Moment, bin ich mir sicher, ich fucking kann das nicht!
Bitte glaub mir mal, bitte!” (Meine Übersetzung, Original bruisedpeachpoetry)

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